"Doch alle Lust will Ewigkeit" - die Schlusszeile aus dem Gedicht "Oh Mensch! Gib acht!" dürfte zu den bekanntesten Zitaten von Friedrich Nietzsche gehören. Die Gedichte des Philosophen haben schon immer Komponisten zur Vertonung gereizt, von Arnold Schönberg über aktuelle Zeitgenossen wie Wolfgang Rihm bis hin zu Rockmusikern wie Achim Reichel. Aber noch niemand wagte sich dabei soweitvor wie der Franzose Pascal Dusapin: Er hat 27 Nietzsche-Poeme zu einem mächtigen Zyklus zusammengefasst. Nachtdüstere Lieder, philosophische Höhenflüge, winzige Aphorismen, poetische Analysen, messerscharfe Polemiken: Es geht nicht darum, Nietzsche-Appetithappen zu liefern, der Komponist hat den Anspruch, "seinen" Nietzsche in allen Facetten zu vertonen.

Dusapins Zyklus ist auch das Dokument einer großen Künstlerfreundschaft. Der österreichische Bariton Georg Nigl hat in den letzten Jahren zentrale Rollen in Dusapin-Opern übernommen - unter anderem bei Passion am Grand Théâtre. Für ihn und in enger Zusammenarbeit mit ihm ist O Mensch! entstanden. "In jedem Moment der Komposition habe ich nicht nur an seine Stimme, sondern an seinen ganzen Klang-Körper gedacht", berichtet Dusapin.

Ursprünglich ging es nur um einige einzelne Stücke für ein neues Liederprogramm, aber Nigl und Dusapin waren sich schnell darüber im Klaren, dass es mehr werden sollte, ja: musste. Der Komponist zeichnet auch verantwortlich für die szenische Einrichtung. Mit Video- und Projektionstechnik, Schatten- und Wasserspielen soll die besondere Atmosphäre der Nietzsche-Gedichte eingefangen werden.

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