Die herzzerreißende Geschichte der Kameliendame Violetta Valéry, der berühmten Pariser Kurtisane, die aus Rücksicht auf die Ehre der Familie Germont ihrer Liebe zu Alfredo Germont entsagt, ist in Giuseppe Verdis Vertonung eines der meistgespielten Werke des Opernrepertoires. Schon im Titel La Traviata („Die vom rechten Wege Abgekommene“) ist angedeutet, dass Violetta in zahlreichen Passagen der Oper eine quasi religiöse Stilisierung und Ikonisierung erfährt. Ihr Gewerbe ist bei Verdi nicht nur körperlich, sondern geradezu metaphysisch. Sie ist jenseits ihres Kurtisanen-Daseins eine Maria Magdalena, die anbetungswürdig ist und den von der Tabuisierung ihrer Sexualität gestressten Bürgern Erlösung verspricht. Die zweite Zuspitzung, die Verdi in La Traviata herausarbeitet, betrifft die kapitalistische Welt desWarentauschs. Violetta erwartet von ihren Liebhabern, dass sie sich für den Genuss ihres Körpers finanziell auszehren. Als siemit Alfredo zusammen aufs Land zieht, tut sie das Gleiche: Jetzt bezahlt sie alles, macht enorme Schulden und verausgabt sich. Als Alfredo bemerkt, dass sie damit nun ihn gleichsam zur Hure macht,wirft er ihr auf demHöhepunkt der dramatischenHandlung, von Verdi grandios herausgearbeitet, eine Unsumme Geld vor die Füße.

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