Das Verdi-Jahr 2013 wird am DNT schon im Oktober 2012 mit der Premiere von Falstaff eingeläutet.
Am Ende von Giuseppe Verdis Laufbahn steht eine singuläre Komödie. Ein Shakespeare-Stoff wird unter den Händen des 77-Jährigen zu einer der perfektesten Partituren der Operngeschichte. Jede musikalische Wendung trifft, keine Note erscheint überflüssig. Verdis Pointen, ihr Timing und Esprit, sind überwältigend.
 
Mit der Figur des Falstaff verbindet man in erster Linie ihre ausschweifende Lebensweise und dreiste Schlitzohrigkeit, die zu Titel und Definition eines „Ritters“ in völligem Gegensatz stehen. Als Urtypus war und ist Falstaff Vorbild für zahllose andere Charaktere. Eine Figur kann
falstaffsche Züge tragen, aber in seiner Gänze ist er nicht zu kopieren. Er bleibt ein Original, in ihm trifft befreiender Humor auf burleske Übertreibung und riesenhafte Vergrößerung der zwei elementaren menschlichen Bedürfnisse: Fressen und Vögeln.
Falstaffs maßloser Unterleib ist sein Königreich. Er erkennt keine Regeln an, er ist anarchisch. In seiner ungehemmten Triebhaftigkeit hält er den Menschen um ihn herum den Spiegel vor, schließlich möchte jeder gern ein bisschen so sein wie er. Doch im völlig Undosierten Falstaffs wird er zur Bedrohung, zu einer Figur aus längst vergangener Zeit, die das bürgerliche Leben stört. Daher muss er weg, die gewitzten Frauen Windsors siegen über Falstaffs Unanständigkeit.
 
Am Ende von Verdis Komödie steht das Lachen, sogar „eine ungeheure Explosion des Lachens“, so beschreibt es der Librettist Boito. „Tutto nel mondo è burla“ (alles auf der Welt ist Spaß), heißt es in der turbulenten Schlussfuge. Verdi und Boito geht es dabei nicht um harmlose, niedliche Heiterkeit, das italienische „burla“ zielt vielmehr auf echte Burleske und existentielle Lächerlichkeit. Verdis Gelächter ist beunruhigend satyrhaft.
Wenn im Leben, so wie es ist, einfach keine tiefere Bedeutung zu finden ist, wenn es am Ende keinen Gott gibt, wenn die Menschen „tutti gabbati“ (allesamt Getäuschte) sind, kann man auf dieser Erde nur mit viel Humor leben. Bauch und Person des Ritters John liefern dazu einige unentbehrliche Anregungen.
 
 
Sabine Hartmannshenn arbeitet nach aufsehenerregenden Produktionen u.a. am Théâtre de la Monnaie Brüssel, der Oper am Rhein Düsseldorf und der Oper Köln zum ersten Mal am Deutschen Nationaltheater Weimar.

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