„Chowanschtschina!“, zu deutsch: „Chowanski-Schweinerei!“, soll der noch unmündige Zar Peter im Jahr 1682 ausgerufen haben, als er von den Machtbestrebungen des Strelitzenführers Iwan Chowanski hörte, der seinen Sohn Andrej zum neuen Zaren machen wollte. In Modest Mussorgskis großer Choroper geht es um die Frage, wie und ob Russland zu regieren sei – eine Frage, die sich auch heute noch stellt. Der genialische Komponist lässt in ungeschliffener, roher, quasi dokumentarischer Form die Interessengruppen der russischen Geschichte des 17. Jahrhunderts in einem gigantischen Tableau aufeinander prallen. Er zeigt mit einer großen Portion Defätismus, wie alle potentiellen, realen und angemaßten Führer das Volk in die Katastrophe führen – das
Volk, das selbst zum Helden der Oper wird, einem unheilvollen Helden jedoch, der nicht gewinnen kann, sondern in den kollektiven Selbstmord getrieben wird. „Solange das Volk nicht mit eigenen Augen nachprüfen kann, was man aus ihm zusammenbraut, solange es nicht selbst den Willen hat, dass dieses oder jenes aus ihm zusammengebraut werde – so lange bleibt es auf dem gleichen Fleck stehen!“ beschrieb Mussorgski diese Situation und weiter: „Allerlei Wohltäter und Volksbeglücker verstehen es geschickt, Ruhm einzuheimsen und ihre Berühmtheit noch dokumentarisch zu besiegeln; das gemeine Volk aber stöhnt, und um nicht zu stöhnen, besäuft es sich und stöhnt nur noch mehr: Wir sind am gleichen Fleck stehen geblieben!“ Am 7. Mai 2011 hatte die Inszenierung von Andrea Moses ihre überregional gefeierte Premiere am Anhaltischen Theater Dessau. Die Chefregisseurin der Staatsoper Stuttgart hat Chowanschtschina nun am DNT in neuer Besetzung erarbeitet.