Das Märchen vom Aschenputtel gehört gleichermaßen zum deutschen wie zum französischen Kulturkreis. Mit einem Unterschied: In der Geschichte der Gebrüder Grimm erkennt der Prinz die ihm bestimmte Braut an einem goldenen Schuh, in der französischen Version von Charles Perrault ist die aufschlussreiche Fußbekleidung aus Glas.

Kein Wunder, dass die ereignisreiche Story um böse Stiefschwestern und wundersamen Feenzauber auch viele Opernkomponisten zur Vertonung gereizt hat. Bis heute hat sich vor allem Rossinis Cenerentola auf den internationalen Bühnen gehalten, in Frankreich steht aber Jules Massenets Oper Cendrillon zumindest gleichberechtigt daneben. Sie entstand 1899 als Auftragswerk zur Wiedereröffnung der Pariser Opéra Comique und trat dann einen kurzen, aber intensiven Siegeszug in der ganzen Welt an. Die zeitgenössische Kritik lobte den "leichten Tonfall" des Märchenspiels, das sich hinter den großen romantischen Opern von Massenet nicht zu verstecken braucht.

An der Opéra Comique ist auch die neue Cendrillon-Koproduktion entstanden, die nun die Opernsaison im Grand Théâtre eröffnet. Regie führt Benjamin Lazar, der in den letzten Jahren eine ureigene Handschrift entwickelt hat. Unvergessen Cadmus et Hermione und vor allem Steffanis Sant'Alessio in einer nur vom Kerzenschein erleuchteten, der Barock-Epoche präzise nachempfundenen Szenerie.

Cendrillon lässt Lazar zur Entstehungszeit spielen - also in der Ära des Übergangs von Kerze und Gaslicht zum Zeitalter der Elektrizität. Auch diesmal spiegeln sich die Zeit-Erscheinungen in Lazars Regie und dem Bühnenbild von Adeline Caron wider.

Die Leitung der Luxemburger Philharmoniker übernimmt Alexander Liebreich, Chefdirigent des Münchener Kammerorchesters und künftiger Direktor des polnischen Rundfunkorchesters. Die Besetzung um Barock-Spezialistin Judith Gauthier in der Titelpartie und Marie Lenormand in der Hosenrolle des Prinzen wartet mit einem echten Weltstar auf: Ewa Podleś, mit ihrem klangvoll-tiefen Kontra-Alt an allen großen Opernhäusern zu Gast, brilliert als herrlich-schräge Stiefmutter.